„Du musst einfach tiefer atmen.“ - Wenn du Asthma hast, COPD, unter Atemnot leidest oder Freediving machst, hast du diesen Satz wahrscheinlich schon oft gehört. Er klingt vernünftig, ist gut gemeint – und wissenschaftlich leider ziemlich dünn. Tiefer atmen fühlt sich kurzfristig vielleicht beruhigend an, aber es verändert weder deine Sauerstoffspeicher in der Muskulatur noch deine Leistungsfähigkeit oder den Umgang deines Nervensystems mit Atemreiz wirklich grundlegend.
Genau hier setzt die Oxykinetik an: nicht als nächste „besondere Atemtechnik“, sondern als System, in dem Atmung, Muskulatur und Nervensystem gemeinsam trainiert werden. Und das macht einen entscheidenden Unterschied – für Freediver genauso wie für Menschen mit Atemeinschränkungen.
Fangen wir mit einem Missverständnis an, das sich erstaunlich hartnäckig hält: der Idee, man könne Muskeln einfach „mit Sauerstoff volltanken“, wenn man nur tief genug ein- und ausatmet. Physiologisch stimmt das so nicht. Wie viel Sauerstoff deine Muskulatur zwischenspeichern kann, hängt vor allem vom Gehalt an Myoglobin ab – einem sauerstoffbindenden Protein in den Muskelzellen. Und dieser Myoglobingehalt steigt nicht, weil du schöne Atemübungen machst, sondern weil du deine Muskulatur gezielt belastest und ihr Zeit zur Anpassung gibst.
Auch die Kapillardichte (also wie gut deine Muskeln mit Blutgefäßen versorgt sind) und die Leistungsfähigkeit der Mitochondrien (deiner „Kraftwerke“) reagieren auf Training, nicht auf hübsch geführte Ein- und Ausatmung. Atmung ist wichtig – aber sie ist nicht der Hauptschalter für diese Anpassungen. Sie ist eher die Feinabstimmung.
Ähnlich sieht es bei Hyperventilation aus. Kurzfristig fühlst du dich damit vielleicht „leichter“ oder „klarer“, tatsächlich senkst du vor allem dein CO₂ und verschiebst den Atemreiz. An den Strukturen deiner Muskulatur ändert sich dadurch: nichts. Im schlimmsten Fall verschlechterst du sogar deine CO₂-Toleranz und machst dich anfälliger für Panik- und Stressreaktionen bei Atemnot – im Alltag und unter Wasser.

Oxykinetik heißt: du trainierst dein System dort, wo es funktioniert – im Zusammenspiel. Atmung alleine ist selten das Problem. Was Schwierigkeiten macht, ist die Kopplung von Atmung, Bewegung und Nervensystem.
In der Oxykinetik arbeiten wir deshalb immer in diesem Dreiklang:
Du bringst deine Muskulatur in spezifische, gut dosierte Belastung – so, dass sie arbeiten muss, aber nicht kollabiert. Dadurch setzt du Reize auf Myoglobin, Kapillaren und Mitochondrien.
Du steuerst deine Atmung bewusst mit – manchmal reduzierter, manchmal rhythmisiert, manchmal mit kurzen Pausen. Ziel ist nicht, spektakulär „die Luft anzuhalten“, sondern das Zusammenspiel von Sauerstoffangebot und CO₂-Anstieg spürbar und trainierbar zu machen.
Du nimmst dein Nervensystem mit ins Boot: Anstatt beim steigenden Atemreiz sofort in Alarm zu gehen, lernst du, diesen Reiz zu lesen, zu regulieren und bewusst im Fenster der Toleranz zu bleiben. Das ist für Freediver der Unterschied zwischen „Ich breche ab, weil es unangenehm wird“ und „Ich bleibe ruhig, obwohl der Atemreiz steigt“. Und für Menschen mit Asthma/COPD ist es oft der Unterschied zwischen Panik bei Luftknappheit und einem deutlich stabileren, handlungsfähigen Umgang mit Atemnot.
Kurz gesagt: Oxykinetik ist kein „Zauberatem“, sondern strukturiertes Training für Muskulatur, Atmung und Nervensystem zugleich.
Nehmen wir einen Freediver. Wenn du nur Atemübungen machst, lernst du vielleicht, den Atemreiz auszuhalten – aber deine Muskulatur bleibt leistungsschwach, der Beinschlag ineffizient, der Sauerstoffverbrauch hoch. Trainierst du nur die Muskulatur, ohne Atmung und Nervensystem mitzunehmen, bist du zwar stärker, aber innerlich oft unruhig, CO₂-sensibel und anfällig für Stress unter Wasser.
Mit oxykinetischem Training legst du beides übereinander: gezielte Muskelarbeit, häufig in moderaten Intensitäten und teils unter „Sauerstoffdruck“ (z. B. mit reduzierter Atmung oder begrenzter Luftmenge), und gleichzeitig regulierte Atmung plus mentale Fokussierung. So entstehen Anpassungen, die sich im Tauchgang direkt bemerkbar machen: Du verbrauchst weniger Luft pro Bewegung, der Atemreiz macht dir weniger Angst, du kannst länger in einem stabilen, ruhigen Zustand bleiben – ohne nach „mehr Luft“ zu schreien.
Überträgst du das auf jemanden mit Asthma oder COPD, ist die Logik die gleiche, nur die Ziele verschieben sich. Hier geht es nicht um 50 Meter Strecke auf einem Atemzug, sondern darum, dass drei Stockwerke Treppe nicht wie ein Himalaya-Aufstieg wirken. Die Muskulatur wird durch klug dosierte Übungen belastbarer, der Atemapparat durch bewusste Führung und Atempausen regulationsfähiger, und das Nervensystem lernt: „Luftknappheit“ bedeutet nicht automatisch Gefahr, sondern ist ein Signal, mit dem ich umgehen kann. Dadurch sinkt die Angst vor Belastung – und erst dadurch wird regelmäßiges Training überhaupt realistisch.

Der entscheidende Schritt ist also: weg von der Illusion, dass du dich mit ein paar tiefen Zügen „aufladen“ kannst, hin zu einem Verständnis von Atmung als Trainingspartner. Oxykinetik nutzt Atmung nicht isoliert, sondern als Steuerinstrument in einem Gesamtprozess.
Für Freediver bedeutet das: Statt die Atmung als Problem vor dem Tauchgang zu sehen („Wie viel atme ich jetzt ein?“), wird sie zur Ressource, mit der du dein System vorbereitest, regulierst und während der Bewegung klug dosierst.
Für Menschen mit Atemeinschränkungen bedeutet es: Atmung ist nicht mehr nur ein Symptomträger („Ich bekomme keine Luft“), sondern ein aktives Werkzeug, mit dem du dein Nervensystem beruhigen, deinen Bewegungsradius Schritt für Schritt erweitern und deinen Alltag wieder selbstbestimmter gestalten kannst.
Am Ende ist Oxykinetik nichts Mystisches. Es ist „einfach nur“ sehr konsequent gedachte Physiologie: Muskeln passen sich an Belastung an, das Nervensystem an Reize, das Atemsystem an CO₂ und Sauerstoffbedarf – wenn du ihnen die richtigen Signale gibst. „Einfach tief atmen“ ist selten das richtige Signal. Die richtige Kombination aus Bewegung, Atmung und Regulierung schon. Genau die trainierst du in der Oxykinetik.